Landrat Dallinger im Dialog:

Wir stoßen die Tür in die digitale Zukunft von morgen auf

In der Metropolregion Rhein-Neckar bewegt sich was: Im Fahrwasser von Industrie 4.0, Internet of Things und nachhaltiger Digitalisierung des Alltags setzt die Metropolregion Rhein-Neckar alles daran – als eine der bedeutendsten IT- und Innovationsregionen der Welt – ganz weit vorne dabei zu sein, wenn es darum geht, ein neues Kapital der Zukunft aufzuschlagen. Stefan Dallinger, Landrat des Rhein-Neckar-Kreises, gibt im Interview interessante Einblicke in die aktuelle Digitalisierungsstrategie der Region, zeigt wichtige Potenziale auf und wagt den Blick in die Zukunft.

Dallinger

Stefan Dallinger,
Landrat des Rhein-Neckar-Kreises

Herr Dallinger, Digitalisierung und Vernetzung sind zentrale Aspekte der Zukunft. Diese Entwicklung macht auch vor dem innovativen Wirtschaftsstandort der Metropolregion Rhein-Neckar nicht halt. Wie reagiert der Kreis darauf? Können Sie uns bitte kurz einen Einblick in Ihre „digitale Strategie“ der Zukunft geben?

Dallinger: Der Rhein-Neckar-Kreis beschäftigt sich bereits seit einigen Jahren mit dem Digitalisierungsprozess. Dabei wurde schnell klar, dass diese Entwicklung auch die öffentliche Hand vor große Herausforderungen stellt und alle Bereiche von der Bildung bis hin zur Infrastruktur beeinflusst. Entsprechend haben wir im Landratsamt früh begonnen, verschiedene Verwaltungsprozesse digital abzubilden. Bürgerinnen und Bürger können beispielswiese zeit- und raumunabhängig online ihr Kfz an-, um- und abmelden. Darüber hinaus war es mir wichtig, im E-Government einige Prozesse voranzutreiben – z.B. die Online-Terminvereinbarung, ein vom Landratsamt selbstgestricktes Programm.

Ein weiterer wichtiger Meilenstein war der frühzeitige Ausbau unserer digitalen Infrastruktur. Mit Gründung des Zweckverbandes High-Speed-Netz Rhein-Neckar wird ein kreiseigenes Glasfasernetz entstehen und der Glasfaserausbau in allen 54 Städten und Gemeinden vorangetrieben. Auch beim Thema Smart Production sind wir auf einem guten Weg und stellen gemeinsam mit der Stadt Mannheim im Netzwerk Smart Production eine Plattform für den Informationsaustauch der Unternehmen in diesem Bereich zur Verfügung. Im Bildungsbereich sind unsere Investitionen in die Lernfabrik 4.0 zu nennen, die gerade eingeweiht worden ist und die Innovationsfähigkeit der dualen Ausbildung stärken wird. Wir wollen unsere digitalen Kompetenzen bündeln und ausbauen sowie unsere Unternehmen in diesem Prozess unterstützen. Dabei ist entsprechend gut ausgebildetes Fachpersonal im Rhein-Neckar-Kreis unerlässlich.

Ein wichtiger Meilenstein für die Zukunft
ist der frühzeitige Ausbau der digitalen Infrastruktur…

Stefan Dallinger, Landrat Rhein-Neckar-Kreis

Worin liegen die digitalen Stärken der Region?
Dallinger: Als digitale Modellregion Rhein-Neckar wollen wir die digitale Vernetzung im Bereich öffentlicher Infrastrukturen sicherstellen. Dabei geht es auch darum, dass private Unternehmen und die öffentliche Hand eng zusammenarbeiten. Ein Stichwort lautet hier „Telemedizin“, bei welchem wir versuchen, auf dem Gebiet der Gesundheit eine bessere Anbindung des ländlichen Raums zu erreichen. Beim Thema Verkehr sollen bestehende Verkehrsmittel mithilfe moderner Technik intelligent vernetzt werden, um multimodale Verkehrsangebote anzubieten. Im Energiebereich bietet Digitalisierung durch intelligente Speichersysteme und Netze sowie die Einbindung lokaler Energieerzeuger ebenfalls neue Möglichkeiten – letztlich auch im Kampf gegen den Klimawandel. Ein weiteres Thema ist die öffentliche Verwaltung – da kann in Deutschland sicher noch sehr viel mehr digitalisiert und optimiert werden. Für den Bildungsbereich bietet die Digitalisierung Möglichkeiten, Wissen effizient und zielgruppengerecht auch an breite Massen vermitteln zu können – was gerade im Zeitalter des lebenslangen Lernens besonders wichtig ist. Und nicht zuletzt zeichnet uns besonders aus, dass wir ein führender Anbieter der Region mit der größten Ansammlung von IT-Unternehmen Deutschlands sind, in welchem viele Global Player, aber auch kleine und mittlere Unternehmen sowie „Hidden Champions“ angesiedelt sind.

Trotz aller Teilerfolge steckt die nachhaltige Digitalisierung in vielen Bereichen noch in den Kinderschuhen. Worin sehen Sie aktuell die größten Hindernisse bei der erfolgreichen Umsetzung von Industrie 4.0 und dem Internet der Dinge?
Dallinger: Wir haben im vergangenen Jahr eine Studie der SRH genau zu dem Thema mit begleitet und die Ergebnisse haben gezeigt, dass Ihr Bild mit den Kinderschuhen insbesondere für die kleinen, aber auch häufig für mittlere Unternehmen gilt. Mir ist bewusst, dass es viele technische, wirtschaftliche und emotionale Barrieren gibt, um Industrie 4.0 erfolgreich umzusetzen, aber ein ganz wichtiger Punkt ist, dass immer noch gerade die KMU’s sich häufig allein gelassen fühlen mit der Vielfalt der Themen, die mit der Digitalisierung einhergehen. Hier ist es wichtig, vor allem Aufklärung für digitale Prozesse zu betreiben, damit die Menschen den Nutzen erkennen und sehen, dass sie von der Digitalisierung persönlich profitieren können. Gemeinsam mit den Kammern und Agenturen können hier weitere Unterstützungsangebote und Best-Practice-Workshops helfen, aber auch natürlich unser Projekt Lernfabrik 4.0 sowie Unternehmensnetzwerke wie das Netzwerk Smart Production, in dem Sie aber auch Mitglied sind. Hier müssen wir vor allem daran arbeiten, dass die entsprechenden Unternehmen auch erreicht werden.

Zusätzlich gibt es in der digitalen Infrastruktur noch einiges zu tun. Der Glasfaserausbau im ländlichen Raum schreitet voran, hat aber natürlich noch Lücken, richtig funktionierende WLAN-Systeme fehlen in den Randbereichen, oft gibt es noch fehlende Schnittstellen, was unsere IT-Systeme betrifft und auch im Bereich der IT-Sicherheit müssen wir noch gemeinsam mit den zuständigen Partnern unsere Hausaufgaben machen.

Aktuell gilt es intensiv Aufklärungsarbeit zu leisten,
um so Industrie 4.0 und der Digitalisierung des Alltags zum Erfolg zu verhelfen…

Sie erwähnten die Lernfabrik 4.0. Was genau müssen wir uns hierunter vorstellen?
Dallinger: Die Lernfabrik 4.0 ist ein Labor, das im Aufbau und in der Ausstattung industriellen Automatisierungslösungen gleicht und in dem Grundlagen für anwendungsnahe Prozesse erlernt werden können. Maschinenbau und Elektrotechnik werden dabei durch professionelle Produktionssteuerungssysteme verknüpft. Auch die kaufmännische Seite ist dabei über ein Warenwirtschaftssystem abgedeckt. Zielgruppe der Lernfabrik 4.0 sind insbesondere Auszubildende in dualen Ausbildungsgängen des produzierenden Gewerbes und der IT-Branche. Darüber hinaus wird die Lernfabrik 4.0 auch Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus Weiterbildungsprogrammen beispielsweise im Rahmen einer Technikerausbildung zugänglich gemacht. Außerdem soll die Lernfabrik 4.0 kleinen und mittelständischen Unternehmen als Demonstrationszentrum dienen und die Möglichkeiten im digitalen Zeitalter aufzeigen, um dadurch die Affinität zur Digitalisierung zu steigern. Dies alles geschieht in Kooperation mit den beteiligten beruflichen Schulen, Wirtschaftsorganisationen, angewandten Hochschulen und der Allianz Industrie 4.0 Baden-Württemberg.

Worin sehen Sie im Vergleich zu anderen digitalen Zukunftsprojekten des Landes Baden-Württemberg das zentrale Alleinstellungsmerkmal der hiesigen Lernfabrik 4.0?
Dallinger: Ich freue mich sehr, dass wir mit der Lernfabrik 4.0 zum ersten Mal im Ausbildungsbereich einen Vorsprung vor den Unternehmen und Betrieben haben. Das Alleinstellungsmerkmal unserer Lernfabrik 4.0 ist vor allem das SAP-ERP-System, welches direkt an das Prozessleitsystem der Lernfabrik 4.0 angebunden wird, so dass auch die Datenverwertung eine übergeordnete Rolle spielt. Was die Lernfabrik 4.0 im Rhein-Neckar-Kreis ebenso auszeichnet, ist die Vernetzung der fünf Zentren beruflicher Schulen im Rhein-Neckar-Kreis, an denen die Lernfabrik eingerichtet ist. Da dies über ein Hochleistungsglasfasernetz geschieht, ist ein hoher Datenaustausch möglich und die Simulation von einem tatsächlich produzierenden Gewerbe kann sinngerecht dargestellt werden. Jeder Standort wurde dabei im fachspezifischen Profil berücksichtigt und kann dabei natürlich auch autonom arbeiten. Wichtig dabei war uns die Einbindung von verschiedenen Industrie 4.0-Akteuren, die die Lernfabrik 4.0 durch Sach- und Geldzuwendungen unterstützen. Diese Industriepartner und IT-Unternehmen in der Region bieten einen wichtigen Mehrwert für die Lernfabrik – z.B. durch den gegenseitigen Erfahrungsaustausch und den Zugriff zu exklusiven Geräten und Inhalten. Die Firma Schweickert und ihr Engagement ist hierfür ein sehr gutes Beispiel.

Industriepartner und IT-Unternehmen wie Schweickert
bieten einen wichtigen Mehrwert für die Lernfabrik…

Die Lernfabrik 4.0 ist ein Gemeinschaftsprojekt aus Kreis und Unternehmen der Region. Welchen Beitrag können Unternehmen – wie Schweickert – leisten, um Sie bei vergleichbaren Projekten – nicht nur finanziell – tatkräftig zu unterstützen?
Dallinger: Industrie 4.0 kann nur durch eine enge Kooperation mit den Unternehmen in der Region gelingen. Der Austausch mit allen Global Playern und kleinen und mittleren Unternehmen ist uns dabei sehr wichtig. Die Fachexpertisen der Firmen und Unternehmen sind ein Mehrwert, um für geeignete Nachwuchskräfte zu sorgen und die Facharbeiter der Zukunft schaffen zu können. Die Firma Schweickert hat gerade im Bereich intelligenter Netze, aber auch bei digitaler Infrastruktur eine herausragende Expertise, die auch z.B. für kleine Handwerksbetriebe existenzsichernd sein kann. Hier können Sie und Ihr Unternehmen einen großen Beitrag leisten, um den Unternehmen vielleicht auch ein Stück weit die Angst vor den Herausforderungen der Digitalisierung zu nehmen. Hierdurch sichern Sie Unternehmensexistenzen langfristig und können darüber hinaus die Zukunft der Lernfabrik 4.0 aktiv mitgestalten.

Man kennt Sie als Visionär, daher die Frage an Sie: Wo steht der Rhein-Neckar-Kreis im Jahr 2025?
Dallinger: Gerne riskiere ich einen Blick in die Zukunft. Da ich die Digitalisierung als Wirtschaftsförderprogramm sehe, bin ich überzeugt, dass im Jahr 2025 alle Wirtschaftsprozesse und die öffentliche Infrastruktur digital ablaufen: Wir haben den digitalen Rhein-Neckar-Kreis geschaffen, ja, die digitale Region Rhein-Neckar ist Wirklichkeit geworden. Wir sind Vorreiter in Deutschland für die Ausbildung der Fachkräfte als einer der wichtigsten Standortfaktoren für alle Unternehmen und das Handwerk, alle privaten Haushalte sind mit Breitband versorgt, wir sind eine absolut vernetzte Region, die vor Verwaltungsgrenzen keinen Halt macht. Und diesen Prozess haben Bürgerinnen und Bürger, Verwaltung, Politik und Wirtschaft gemeinsam aktiv vorantreiben.

Herr Dallinger, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Das Interview führte Manuel Löhmann, Referent Unternehmenskommunikation bei Schweickert.

Zur Person – Stefan Dallinger

Stefan Dallinger (55) studierte 1982 bis 1988 Rechtswissenschaft an der Universität Heidelberg. Anschließend war er als Referent für Abfallrecht beim Regierungspräsidium Karlsruhe, als Amtsleiter des Wasserrechtsamts beim Landratsamt Rhein-Neckar-Kreis sowie im Arbeitsstab des Beauftragten der Bundesregierung für Flüchtlingsrückkehr und Wiederbau in Bosnien und Herzegowina tätig. Im Juli 1999 wurde er zum Ersten Bürgermeister der Großen Kreisstadt Schwetzingen gewählt. Ab Juli 2006 bis April 2010 wirkte er als Verbandsdirektor des Verbands Region Rhein-Neckar und als Geschäftsführer der Metropolregion Rhein-Neckar GmbH. Am 9. Februar 2010 wählte ihn der Kreistag zum Landrat des Rhein-Neckar-Kreises; Amtsantritt war am 01. Mai 2010. Seit dem 22. April 2016 ist er zudem Vorsitzender des Verbands Region Rhein-Neckar.

Dallinger ist verheiratet, Vater zweier Kinder und lebt in Hirschberg an der Bergstraße.

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